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Entstehungsgeschichte

Jacob der Ältere

Jakob der Ältere aus einem Fresko an der Kathedrale von Le Puy-en-Velay


Das reichlich vorhandene Wasser der Elster-Pleiße-Aue war Grundlage für das Entstehen erster slawischer Siedlungen. Auf der einzig möglichen Verbindung nach Westen, der heutigen Jahnallee, kamen ab dem 7. Jahrhundert missionierende iro-schottische Mön­che, die eine dem Schutzheiligen der Pilger St. Jacobus d.Ä. geweihte Wegefahrtskapelle gegenüber der Einmündung in die heutige Jacobstraße errichteten. Die Kapelle und die westlich davon gelegene Jacobsparochie fanden 1036 ihre erste urkundliche Erwähnung.

Mit den umfangreichen Flussregulierungsarbeiten im 10. bis 12. Jahrhundert, der Verlegung der Parte und dem Bau des Elster-mühlgrabens, wurden neue Ansiedlungen gefördert. Als Leipzig 1165 das Stadtrecht verliehen wurde, gab es am Beginn der Jacobstraße bereits die Angermühle. 1212 fand eine Fischersiedlung an der Nordseite des Mühlgrabens Erwähnung und Markgraf Dietrich von Meißen ließ oberhalb der Angermühle das Georgenhospital errichten. Das Nauendörfchen südlich der Jacobsparochie wurde 1295 erstmals erwähnt.

Ranstädter Vorstadt

Ranstädter Vorstadt

Ranstädter Steinweg 1881
Quelle: http://www.leipzig-ein-baustellenmosaik.de/seenlandschaft.htm


Mit wachsender Bevölkerungszahl konnte sich die Stadt Leipzig nicht mehr selbst ernähren und kaufte somit die Siedlungen vor ihren Toren samt deren großen Produktionspotential. Von 1439 bis 1544 gingen sämtliche westlich der Stadt gelegenen Siedlungen (heutiges Waldstraßenviertel) in den Besitz der Stadt und bildeten die Ranstädter Vorstadt. Es siedelten sich hauptsächlich Handwerker (Gerber und Leineweber) und Fischer an. Mitte des 16. Jahrhunderts verdichtete sich die Bebauung entlang des Rahnstädter Steinweges.

Das Rosental


Eingang zum Rosental

Eingang zum Rosental. Quelle: "Das alte Leipzig". Verlag Koehler Amelang 1978


Das älteste Erholungsgebiet der Stadt wurde 1318 erstmals urkundlich erwähnt, damals noch ausschließlich Nutzwald, erwarb die Stadt 1663 aus kurfürstlichem Besitz.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg veranlasste der Leipziger Bürgermeister Conrad Roma­nus die Trockenlegung der Wallgräben. Auch im Gebiet des Waldstrassenviertels entstanden um die Mitte des 18. Jahrhunderts barocke Vorstadt­gärten (z.B. Gerhardts Garten).

Der Landesherr August der Starke plante den Ausbau des Rosentals zu einem Park mit Schloss, davon zeugen die heute noch sichtbaren 1707/08 geschlagenen Schneisen. Doch die Leipziger Ratsherren waren gegen den Plan zum Umbau des Stadtwaldes. 1837 erfolgte dann die Umgestaltung zu einem öffentlichen Erholungspark mit zwei Hauptlokalen: Bonorand und Kintschy.

Die Große Funkenburg

Große Funkenburg

Der Hof der Großen Funkenburg. Quelle: http://www.zeno.org


Das Vorwerk lag zwischen Ochsenwehrgraben und Faulgraben, ummittelbar an der Via regia vor dem Ranstädter Tor. Teile seiner Gebäude waren erst Herberge, bevor sie im 18. Jahrhundert mit großem Saal und dem weitläufigen Vergnügungsgarten zu dem beliebtesten Ausflugsziel der Leipziger wurde. Es war ein bedeutender Ort in der Geschichte des Waldstraßenviertels, verbunden mit berühmten Namen, die noch heute das Viertel prägen. Die letzten Besitzer des Areals waren die Nachkommen von Christian Gottlob Frege, dessen alleinerbender SohnRichard Woldemar Frege mit der Sängerin Virginia Livia Gerhard (WN 44 extra S. 2) vermählt war.

Deren Sohn Arnold Woldemar von Frege-Weltzien parzellierte und verkaufte 1889 das Gebiet gewinnbringend. Indem er an den Verkauf jeder Parzelle strenge Bauvorschriften knüpfte, nahm er wesentlichen Einfluss auf das noch bis heute sichtbare Erscheinungsbild des Waldstraßenviertels. Die Funkenburgstraße zeichnet heute die durch das einstige Haupthaus führende zentrale Achse der Großen Funkenburg nach. Die ehemalige Gartenallee ist heute die Tschaikowskistraße, deren Baumbestand die Erinnerung an diese Zeit wach hält.

Brückensprengungsdenkmal / Fürst Poniatowski

Poniatowski

"Der Tod Poniatowskis". Gemälde von January Suchodolski.
Quelle: http://www.wikipedia.de


Das 1863 errichtete Brückensprengungsdenkmal an der Jahnallee/Ecke Thomasiusstraße weist auf eins der tragischsten Ereignisse der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 hin. 20.000 napoleonische Sol­daten schnitten sich mit der verfrühten Sprengung der stei­nernen Brücke den Fluchtweg ab und ertranken entweder in den Fluten des Elstermühlgrabens oder gerieten in Gefangenschaft.

Auch der Marschall Fürst von Poniatowski, ein polnischer Prinz, floh mit dem Pferd vor seinen Verfolgern über die Pleiße durch Gerhardts Garten. Doch bei seinem kühnen Sprung über die Elster konnte er das andere Ufer nicht mehr erreichen und ertrank in ihren Fluten.

Gründerzeit

Gründerzeit im Waldstraßenviertel

Spätklassizistische Bebauung Tschaikowski- Ecke Feuerbachstraße


Nach 1830 begann die Entwicklung Leipzigs zur Großstadt und die Einwohnerzahlen wuchsen sprunghaft. Die Hoffnung, die Frankfurter Wiesen als Bauland zu nutzen, wurde durch das immer wiederkehrende Frühjahrshochwasser zerstört. 1789 versuchte der Architekt Johann Friedrich Karl Dauthe eine Chaussee nach Lindenau zu bauen, doch auch diese fiel dem Wasser zum Opfer. Erst die folgenden großen Regulierungsmaßnahmen erlaubten ab den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts eine umfangreiche und planmäßige Bebauung des Waldstraßenviertels.
Speziell dem Juristen und Stadtrat Carl Erdmann Heine ist es zu verdanken, dass das Waldstraßenviertel trockengelegt und bebaut wurde. Mit dem Aushub aus dem von ihm konzipierten und vorangetriebenen Bau des Elster-Saale-Kanals wurden weite Teile des Waldstraßenviertels aufgefüllt.

Das Waldstraßenviertel hieß im Volksmund
„Neu-Jerusalem“

Leipzig erlebte ab der Mitte des 19. Jahrhunderts eine stürmische Entwicklung zur Großstadt und zur Industriemetropole. In unmittelbarer Nähe zur Innenstadt entstand ab etwa 1860 mit dem späteren Waldstraßenviertel ein neuer Stadtteil.

Ariowitsch-HausFür die Juden in Sachsen war die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts gekennzeichnet durch eine Entwicklung, die letztlich 1837 mit dem Gesetz über die Gleichstellung der Juden in Sachsen zur völligen bürgerlichen Gleichberechtigung führte. Insbesonderre Leipzig als Geschäfts- und Handels-metropole, aber auch als kulturelles und geistiges Zentrum entwickelte vor diesem Hintergrund eine immer größere Attraktivität für jüdische Händler und Geschäftsleute. Die überwiegend aus Osteuropa stammenden Juden fanden vor allem in dem neuen und modernen Waldstraßenviertel eine neue Heimat. Diese relative Gleichzeitigkeit zwischen Entstehung dieses Wohngebietes und zunehmender jüdischer Zuwanderung erklärt den prozentual hohen Anteil jüdischer Bewohner im Waldstraßenviertel.


Anzeige EitingonIm Laufe der Zeit entwickelte sich eine blühende Infrastruktur, die sowohl den gewerblichen Bereich als auch den Einzelhandel, aber vor allem auch das soziale und religiöse Leben umfasste. Jüdische Kultur und jüdisches Leben waren auch für die nichtjüdischen Bewohner im alltäglichen Leben des Viertels sichtbar.

Hinsichtlich der Sozial- und Berufsstruktur zeigte sich nahezu eine Deckungsgleichheit zwischen der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung dieses bürgerlich geprägten Leipziger Wohnviertels. Hierin ist ganz sicher die Grundlage zu sehen für das fast problemlose und konfliktfreie Zusammenleben und Miteinander bis 1933.

Bei den Berufen dominierte unter den erwerbstätigen jüdischen Bewohnern des Viertels die für Leipziger Juden traditionelle Rauchwarenbranche jeder Zehnte beschäftigte sich in irgendeiner Form mit Rauchwaren.