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Persönlichkeiten im Waldstraßenviertel:
Friedrich Ludwig Jahn
Friedrich Ludwig Jahn
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In seiner (zwar nie gehaltenen, nur gedruckt vorgelegten) „Schwanenrede“ hatte Friedrich Ludwig Jahn, Abgeordneter der äußersten Rechten der Frankfurter Nationalversammlung, 1848 in der Paulskirche einen politischen Lebensrückblick formuliert, ein Credo, das er sich als Grabschrift wünschte: „Deutschlands Einheit war der Traum meines erwachenden Lebens, das Morgenrot meiner Jugend, der Sonnenschein der Manneskraft und ist jetzt der Abendstern, der mir zur ewigen Ruhe winkt.“
5,-M DDR Gedenkmünze Unsere Erinnerung assoziiert beim Namen Friedrich Ludwig Jahn keineswegs den Patrioten - uns ist der „Turnvater Jahn“ (wie er auch schon zu Lebzeiten genannt wurde) vertraut. Doch das Turnen war nur ein Teil seiner nationalpolitischen und volkspädagogischen Bemühungen, nicht etwa zuerst auf gesundheitsfördernde Bewegung bedacht. Für Jahn war das Turnen vaterländische Aufgabe: gegen Napoleon, für Preußen. Den Stammtisch- und NS-Rednern des 20. Jahrhunderts hat er es sehr leicht gemacht, ihn falsch zu verstehen. Johann Friedrich Ludwig Christoph Jahn (im Taufbuch vier Vornamen!) wurde am 11. August 1778 in Lanz bei Lenzen (Westprignitz/Preußen) als Sohn des Ortspfarrers und seiner Frau geboren. Am 15. Oktober 1852 starb er in Freyburg an der Unstrut - seit 1815 nicht mehr Sachsen, sondern Preußen. Er war zweimal verheiratet, die erste Frau starb früh, die zweite überlebte Jahn um 24 Jahre. Von den drei Kindern aus erster Ehe überlebte ein Sohn, die eine Tochter aus zweiter Ehe ebenfalls. Dank der Mutter konnte „Fritz“ (so nannten ihn später die Kommilitonen) schon mit fünf Jahren aus der Bibel vorlesen, Pastor Jahn unterrichtete den Sohn, wie allgemein üblich, bis zum 13. Lebensjahr in den anderen Fächern. Es folgten drei Jahre Gymnasium in Salzwedel (wo er häufig Schlägereien mit Mitschülern und Fehden mit Lehrern hatte) und ein knappes Jahr am berühmten Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin (wo er als schroff, widerspenstig, selbstherrlich und nicht besonders fleißig beurteilt wurde). Von dort floh der Primaner ohne Abschluss. Da das geplante Jurastudium zu teuer war, schrieb er sich im Frühjahr 1796 in Halle (seit 1680 preußisch) als stud. theol. ein (die seit 1788 in Preußen vorgeschriebene Reifeprüfung sollte er nachholen, was aber wohl nicht geschah). Ein Zubrot zum väterlichen Wechsel verdiente er sich mit Unterricht an der von August Hermann Francke gegründeten Schulstadt, und er trat, was sich ausdrücklich gegen die üblichen Studentenverbindungen richtete, dem geheimen Orden der „Unitisten“ bei. Im zweiten Halbjahr 1801 versuchte Jahn vergeblich, eine Anstellung als Lehrer in Frankfurt/Oder zu erhalten. Im Sommer 1802 schrieb er sich an der Universität Greifswald ein (die Stadt gehörte seit dem dreijährigen Krieg bis 1815 zu Schweden), nach zwei Semestern fleißigen Lernens flog er wegen „Verbreitung einer gotteslästerlichen Rede“. Es folgten zwei Hauslehrerjahre in Mecklenburg und weitere Studienversuche in Göttingen und Jena. historisches Turngerät In Jena geriet er in die Wirren des Krieges. Die von Napoleon geschlagenen zurückweichenden preußischen Truppen nach der Schlacht bei Jena und Auerstädt, die Katastrophe des preußischen Staates insgesamt deprimierten Jahn vorerst so sehr, dass er seine akademischen Pläne für immer aufgab. Aber schon 1807 schrieb er ins Stammbuch der Wartburg: „Es wird ein anderes Zeitalter für Deutschland kommen und eine echte Deutschheit wieder aufblühen ...“, und 1808 vollendete er im Elternhaus sein Hauptwerk „Deutsches Volkstum“, in dem er allen Schichten des Volkes seinen Glauben an die deutsche Zukunft verkündete. Als es 1810 erschien, lebte Jahn in Berlin, wo er eine Anstellung als Hilfslehrer gefunden hatte. „Deutsches Volkstum“ verstand Jahn als nationalpolitisches Erziehungsbuch, für die freiheitsbewegten „Lützower“ und Burschenschafter wurde es Pflichtlektüre. Einen ähnlichen Rang hatte es dann später - und zwar bis in die Zeit der Weimarer Republik - in nationalkonservativen Kreisen, und auch das NS-Regime vereinnahmte das Buch für sich. Es verkündet die Lehre vom einigen Deutschland, von nationaler Erziehung, von der Reinhaltung der deutschen Sprache und Kultur und von einem volkstümlichen Staats- und Heerwesen. Die Feder führte ihm dabei die unsägliche deutsche Kleinstaaterei, der Stolz auf das unter Friedrich II. mächtig gewordene Preußen und die französische Fremdherrschaft. Er wünscht sich für ganz Deutschland die konstitutionelle Monarchie mit der Hauptstadt „Teutonia“ - und auch sonst liebte Jahn eine heutzutage kaum noch erträgliche pathetisch teutonische Wortwahl. „Volk, Deutschheit und Vaterland“ waren für ihn Hochgedanken. „Volkserziehung ist Anerziehung zum Volkstum“ und „Volkstum ... ist die richtige Völkerwaage des Werts ... ohne Volkstum taube Staaten“, Preußen sei „das jüngste Selbstvolk“. Nicht ohne Grund nannte Marschall Blücher Jahns Schrift das „deutscheste Wehrbüchlein“, denn darin findet sich nicht nur dieser Kernsatz, zum Thema: „Leibesübungen sind die Vorbereitung zur allgemeinen Waffenfertigkeit.“ Allgemeine Richtlinien sind von der Art: „Der Stock gehört in die Schule, die Rute in die Kinderstube.“ Oder: „Alle langdauernden Völker retteten sich von der immer neuen Wüterei der Mode durch eine Volkstracht.“ Und auch: „Undeutsch bleibt jede öffentlich hingestellte Nacktheit“ (in der bildenden Kunst). Die historische Erfahrung mit dem Kolonialismus und dem Nationalsozialismus lässt uns Heutige bei manch anderer Hervorbringung Jahns doch eher Rassismus vermuten: „Die sich ins Negerige verlierenden Araber in Nordafrika sind die Schande ihres Völkerstamms“, „Mischlinge von Tieren haben keine echte Fortpflanzungskraft und ebensowenig Blendlingsvölker ein eigenes volkstümliches Fortleben“, „Völkerzucht“, „arbeitsscheues Schachervolk“, „Das Bürgerrecht muß verloren gehen für den, der ... unehrliche Handlungen treibt ... z.B. Menschenverschneiden“. Und mit regelrechten Stammtischparolen zog er über andere Völker her (ausgenommen waren da nur die hehren Griechen), vor allem wütete er gegen alles Französische - nicht nur gegen Napoleons Expansionszüge. Postkarte mit dem Jahnmuseum in Freyburg / UnstrutIm Juni 1811 eröffnete Jahn mit Unterstützung der Freunde Friesen und Eiselen auf der Berliner Hasenheide den ersten deutschen Turnplatz (das Wort „turnen“ benutzte er, weil es ein deutsches sei), und schon bald nahm der straff organisierte Turnbetrieb einen starken Aufschwung. 300 Teilnehmer zählte man schon im ersten Jahr, eine „Turnmarke“ wurde als Mitgliedsausweis ausgegeben, ein Beitrag erhoben - Minderbemittelte turnten auf Kosten der anderen. Gegen ständische Schranken wurde das brüderliche Du eingeführt, außerdem eine einheitliche Turnkleidung - eine Art grauer Drillichanzug, der nicht viel kostete - bei Primanern und Studenten kam aber schon bald die „Deutsche Tracht“ in Mode (schwarzer Rock und Hose, weißer Schillerkragen ohne Halstuch, langes Haupthaar, Vollbart). Auf dem Plan standen ringen, klettern, laufen, werfen, springen, marschieren, auch das Turnen an Geräten - von denen die meisten „Vater Jahn“ selbst erfand. Im Kampf gegen Napoleon schloss sich Jahn 1813 dem königlich-preußischen Freikorps Lützow an. Für seine patriotischen Verdienste erhielt er seit 1814 auf Empfehlung Gneisenaus einen jährlichen Ehrensold von 500 Talern (1817 auf 1000 Taler erhöht) und konnte endlich heiraten. Die innere Jahnallee in Leipzig.„Als Berater in historischen Fragen“ nahm Staatskanzler von Hardenberg ihn 1815 zum Wiener Kongress mit, in gleicher Eigenschaft war er dann auch in Paris, aber hauptsächlich widmete er sich nun der Gründung der studentischen Deutschen Burschenschaften - die mit der Turnerei bald so verquickt waren, dass man von „Burschenturnern“ sprach. Die Forderung der Burschenschaften nach politischer und geistiger Freiheit wurden jedoch im Zuge der Karsbader Beschlüsse und der sich anschließenden „Demagogenverfolgung“ bekämpft, und nachdem der „Burschenturner“ Sand den Schriftsteller Kotzebue (der als russischer Spitzel galt und die deutsche nationale Begeisterung verspottete) ermordet hatte, wurden Burschenschaften und Turnerei verboten. Jahn wurde verhaftet, erst 1825 durfte er die Festungsstadt Kolberg wieder verlassen zum künftigen Aufenthalt war ihm aber nur ein Ort gestattet, wo es keine Universität und kein Gymnasium gab. Und so kam er nach Freyburg an der Unstrut, wo er unter Polizeiaufsicht lebte und deshalb von 1828 bis 1836 (weil er Kontakte zu Merseburger Gymnasiasten gehabt hätte) nach Kölleda umziehen musste. Und dann brannte 1838 auch noch das Freyburger Mietshaus der Familie aus. Jahn, 1840, bei Regierungsantritt von Friedrich Wilhelm IV, von der Polizeiaufsicht befreit, erlebte die Wiederzulassung des Turnens und die Einführung als Schulfach in Preußen. 1848/49 saß der Siebzigjährige, gewählt vom Freyburger Wahlkreis, in der Frankfurter Nationalversammlung und stritt Erinnerungsturnhalle in Freyburg/Unstrutfür ein erbliches Kaisertum mit Preußen an der Spitze. 1852 starb er in Freyburg. Sein erstes Grab hatte er dort, wo sich die 1894 errichtete Jahn-Erinnerungshalle befindet, seit 1936 ruhen seine sterblichen Überreste im Grundstück des 1839 in der Schlossstraße 11 errichteten Wohnhauses - auf dem Weg zur Neuenburg kommt man daran vorbei. |