Geschichte sammeln das neue Projekt
Fotografien von den Straßen des Waldstraßenviertels, die kurz vor dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind, zeigen ein lebendiges Viertel mit vielen Geschäften und den dazugehörigen Reklameschildern. 1995, etwa 60 Jahre später, beschreibt Erich Loest die Situation kurz vor der Wende in seinem Roman „Nikolaikirche“ so: „Die Stadtluft hatte einen Geschmack angenommen, der aus verschwelter schlechter Kohle, aus faulenden Dächern und Balkonen, aus dem Salpeter hinter dem bröckelnden Putz und den Schwaden der Zweitakter zusammengesetzt war.“ Heute werben Immobilienmakler mit der Gründerzeitarchitektur des Viertels und den „Luxusaltbauwohnungen“ und zählen das Waldstraßenviertel zu den besten (und damit teuersten) Wohn- und Geschäftsadressen der Stadt.
Die Häuser bleiben, die Umstände ändern sich
Obwohl die Bausubstanz des Viertels im Bestand fast unverändert blieb, wurde sie genutzt und umgenutzt, verlassen und wiederentdeckt, kurzum: den jeweiligen Verhältnissen angepasst. Die Ursache für den wechselnden Status des Waldstraßenviertels während der letzten Jahrzehnte liegt auf der Hand: Das Waldstraßenviertel und seine Bewohner mussten sich in zwei völlig unterschiedlichen politisch-gesellschaftlichen Systemen einrichten. Genau darum geht es bei dem neuen Projekt des Bürgervereins. Wir möchten die Bewohner zu Wort kommen lassen, wir möchten wissen, wie sie z. B. Veränderungen bewältigt haben. Wir möchten aus ihren Erinnerungen ein Bild zusammensetzen.
Geschichte aus Geschichten
Das Waldstraßenviertel besitzt eine Anziehungskraft, die ein solches Vorhaben ermöglicht. Wer einmal hierhergezogen ist, trennt sich nur schwer wieder von diesem Umfeld, eine Wirkung, die das Viertel auch auf viele neu zugezogene Bewohner hat. Und eine ganze Reihe von Bewohnern und Gewerbetreibenden halten dem Viertel schon seit vielen Jahren die Treue. Beide Gruppen haben Geschichten zu erzählen, die wir gern sammeln möchten. Mit Hilfe dieser Erinnerungen könnte man den bisher wenig dokumentierten Zeitraum von 1945 bis heute und den zweimaligen Wandel des Viertels anhand von einzelnen Lebens- bzw. Wohngeschichten beleuchten. Die Interviews, aber auch Fotos oder Dokumente wie z. B. Wohnungszuweisungen, Mietverträge, Rechnungen etc., die wir digitalisiert aufnehmen wollen, sollen in einer Datenbank gesammelt werden. Am Ende soll aus vielen Mosaiksteinchen ein Gesamtbild entstehen, ein Beitrag zur Regionalgeschichte, aber auch zur Gesellschaftsgeschichte Leipzigs, bei der das Viertel beispielhaft die Auswirkungen der historischen Umbrüche durch den Zweiten Weltkrieg und durch die Wende aufzeigen kann. Eine Publikation der Ergebnisse durch eine Ausstellung oder in Buchform wäre ein nächster Schritt.
Ihre Erinnerungen sind gefragt
Um unser Vorhaben umsetzen zu können, brauchen wir vor allem Menschen, die uns ihre Geschichten erzählen. Wenn Sie uns also berichten möchten, wann und warum Sie ins Viertel gezogen sind und wie Sie hier gelebt haben oder leben, melden Sie sich bitte im Büro des Bürgervereins (Telefon 9 80 38 83 oder per E-Mail an buergerverein@waldstrassenviertel.de). Außerdem suchen wir engagierte Mitarbeiter, die Planung und Durchführung der Interviews sowie die Digitalisierung von Erinnerungsstücken betreuen. Wir hoffen, dass später auch projektfinanzierte Kräfte unsere Arbeit unterstützen werden.
Petra Cain